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Anleihen und Marktzinsen
In der langfristigen Betrachtung gelten Anleihen bei entsprechender Bonität des begebenden Unternehmens oder Staates als sehr sichere Form der Geldanlage. Kurzfristig betrachtet können jedoch Änderungen des Marktzinses auch bei Anleihen zu heftigen Bewegungen des Anleihenkurses in beide Richtungen führen, wie wir Ihnen nachfolgend an einem fiktiven Beispiel aufzeigen wollen:
Ausgangssituation:
Ein Anleger investiert 10.000 Euro in eine zehnjährige Staatsanleihe mit Zinszahlung von 5 Prozent pro Jahr entsprechend dem zum Zeitpunkt der Begebung der Anleihe gültigen Marktzins.
| Investitions- volumen |
Laufzeit der Anleihe |
Kurs der Anleihe |
Nominalwert zum Kaufzeitpunkt |
Zinskupon der Anleihe |
Marktzins zum Kaufzeitpunkt |
| 10.000 Euro | 10 Jahre | 100% | 100 Euro | 5% | 5% |
Zum Zeitpunkt des Kaufes der Anleihe sah die Situation wie folgt aus:
Der Zinskupon der Anleihe entsprach genau dem geltenden Marktzins. Da der Zinskupon der Anleihe festgeschrieben ist, kann eine solche Anleihe auf Zinsdifferenzen nur mit einer Schwankung des Nominalwertes reagieren. Da Zinskupon und Marktzins aber exakt übereinstimmten, notierte die Anleihe bei 100 Prozent ihres Nominalwertes und versprach dem Investor eine jährliche Zinsgutschrift von 5 Prozent auf das eingesetzte Kapital, also 500 Euro sowie zum Ende der Laufzeit die Rückzahlung des Nennwertes in Höhe von 10.000 Euro. Tabellarisch stellte sich die Situation also wie folgt dar:
| Situation bei Kauf der Anleihe |
Investitions- volumen |
Zins- kupon |
Markt- zins |
Rest- laufzeit |
Kurs der Anleihe |
Nominalwert der Anleihe |
Kurswert der Anleihe |
| 10.000 Euro | 5% | 5% | 10 Jahre | 100% | 10.000 Euro | 10.000 Euro |
Halten Sie die Anleihe bis zum Ende der Laufzeit, ist die Situation für Sie klar: Sie bekommen im Normalfall jedes Jahr ihre Zinsgutschrift und am Ende der Laufzeit den Nennwert zurückgezahlt. Interessant wird es allerdings, wenn Sie die Anleihe nicht bis zum Ende der Laufzeit halten, sondern vorher verkaufen wollen. In diesem Fall kommt dem zum Zeitpunkt des Verkaufes vorherrschenden Marktzins eine besondere Bedeutung zu. Diese Bedeutung geänderter Marktzinsen stellen wir Ihnen nachfolgend an zwei gegensätzlichen Situationen dar:
Situation 1:
Sie wollen drei Jahre nach Kauf der Anleihe über das Geld aus diesem Investment verfügen. Inzwischen liegt der Marktzins bei 6,5 Prozent. Wenn Sie ihre Anleihe jetzt über die Börse verkaufen, haben Interessenten die Wahl, ihre Anleihe oder eine aktuelle Anleihe zu erwerben. Während ihre Anleihe immer noch einen Zinskupon von 5 Prozent hat, beträgt dieser bei den aktuellen Anleihen wieder dem Marktzins, also 6,5 Prozent. Wäre der Kurswert beider Anleihen gleich, würde sich der Anleger beim Kauf Ihrer Anleihe schlecher stellen, als beim Kauf der aktuellen Anleihe, da er für die Restlaufzeit von 7 Jahren auf 1,5 Prozent Zinsen pro Jahr verzichten würde. Dieser Unterschied muß irgendwie berücksichtigt werden. Da der Zinskupon aber nicht verändert werden kann, erfolgt die Anpassung des Wertes ihrer Anleihe an den aktuellen Marktzins über den Kurs der Anleihe. Da der Zinskupon Ihrer Anleihe 1,5 Prozent weniger als der aktuelle Marktzins ist, ergeben sich rechnerisch 1,5 Prozent x 7 Jahre = 10,5 Prozent weniger Zinseinnahmen. Der Kurs der Anleihe muss dementsprechend also nicht mehr bei 100 Prozent, sondern bei 100 - 10,5 = 89,5 Prozent notieren. Im Ergebnis stellt sich die Situation bei einem Verkauf nach 3 Jahren wie folgt dar:
| Verkauf nach 3 Jahren |
Investitions- volumen |
Zins- kupon |
Markt- zins |
Rest- laufzeit |
Kurs der Anleihe |
Nominalwert der Anleihe |
Kurswert der Anleihe |
| 10.000 Euro | 5% | 6,5% | 7 Jahre | 89,5% | 10.000 Euro | 8.950 Euro |
Bei einem Verkauf der Anleihe nach drei Jahren unter den oben aufgeführten Bedinungen würden Sie also einen Verlust aus der Differenz von Kauf- und Kurswert in Höhe von 1.050 Euro realisieren. Über die gesamten drei Jahre gerechnet, hat Ihnen die Anleihe damit einen Gesamtgewinn von 3 x 500 Euro (Zinserträge) - 1.050 Euro (Kursverlust) = 450 Euro oder 4,5 Prozent erbracht. Nicht gerade berauschend, wenn man die eigentlich erhofften 5 Prozent pro Jahr gegenrechnet.
Situation 2:
Ausgehend von unserer Situation 1 fiel der Marktzins innerhalb der nächsten drei Jahre von 6,5 auf 3,5 Prozent. Ein Verkauf zu diesem Zeitpunkt würde dem Kaufinteressenten einen Zinsvorteil von 1,5 Prozent pro Jahr bei 4 Jahren Restlaufzeit einbringen. Wieder dient der Kurs der Anleihe als Ausgleich für den Unterschied zwischen Zinskupon und Marktzins. Diesmal stellt sich die Situation jedoch genau andersherum dar: Der Zinskupon Ihrer Anleihe liegt um 1,5 Prozent über dem Marktzins. Bei einer Restlaufzeit von 4 Jahren ergeben sich also 1,5 Prozent x 4 Jahre = 6 Prozent mehr Zinseinnahmen, als bei einer aktuellen Anleihe. Der Kurs Ihrer Anleihe muss dementsprechend also bei 100 + 6 = 106 Prozent notieren. In Übersicht sieht das ganze nun wie folgt aus:
| Verkauf nach 6 Jahren |
Investitions- volumen |
Zins- kupon |
Markt- zins |
Rest- laufzeit |
Kurs der Anleihe |
Nominalwert der Anleihe |
Kurswert der Anleihe |
| 10.000 Euro | 5% | 3,5% | 4 Jahre | 106% | 10.000 Euro | 10.600 Euro |
Der Verkauf der Anleihe nach 6 Jahren würde Ihnen also neben den bereits erhaltenen jährlichen Zinszahlungen einen Veräußerungsgewinn in Höhe von 600 Euro einbringen. Auf die Laufzeit der Geldanlage von 6 Jahren gerechnet ergibt sich ein Gesamtgewinn von 6 x 500 Euro (Zinserträge) + 600 Euro (Veräußerungsgewinn) = 3.600 Euro oder 36 Prozent. Das sind rund 1 Prozentpunkt mehr Zinsen als der Zinskupon alleine bringen würde.
Schaut man sich die beiden Beispiele einmal genauer an, kann man schnell feststellen, wo die Chancen und Risiken einer Anleihe oder auch anderer Rentenpapiere liegen: in der Differenz zwischen Marktzins und Zinskupon, denn diese Differenz wird mit der Restlaufzeit der Anleihe multipliziert. Dabei gilt: je länger die Restlaufzeit, desto größer die Chancen aber auch die Risiken je nach Entwicklung der Marktzinsen. Bei tendenziell fallenden Zinsen sind Anleihen mit langer Restlaufzeit zu empfehlen und bei steigenden Zinsen wird auf Anleihen mit kurzer Restlaufzeit gesetzt. Um die Risiken einer Fehleinschätzung der Zinsentwicklung zu minimieren, sollten unerfahrene Anleger lieber auf Rentenfonds anstatt auf einzelne Anleihen setzen, denn Rentenfonds bestehen zu einem Grossteil aus Anleihen und eben noch anderen Rentenpapieren. Diese Streuung minimiert die Risiken einer Fehleinschätzung bei einzelnen Papieren enorm und sorgt für eine beständige Wertentwicklung.
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